
Ein Gespräch mit Markus Rogan
Fotografie:Aleksandra Pawloff
Die Frage ist doch, woher ein junger Mensch die Zeit nimmt, 40 Stunden und mehr pro Woche im Hallenbadwasser zu verbringen. Und warum nehmen andere Menschen das so wichtig?
Markus Rogan ist beides selbstverständlich und gleichzeitig rätselhaft.
Das Schwerste ist nicht das, was alle glauben, das Schwitzen und die Tränen.
Sondern?
Die Geduld. Wenn man all das trainiert hat, was man kann, wenn man seinen Körper so fertig gemacht hat, dass er nicht mehr weiter kann, dann einfach auszuruhen und sich auf das angelegte Trainingskapital zu verlassen und nur mehr an den Feinheiten mit höchster Konzentration zu arbeiten. Das klingt einfach.
Klingt nicht einmal einfach. Aber dann doch, wenn er es einfach so hinsagt. Er sitzt im Büro seines Stiefvaters und Managers Michael Schmitz und redet wie der gut erzogene Sohn aus gutem Haus, der er ist. Redet über sich selber, wie Picasso vielleicht über "Blue Nude" geredet hätte. Mit einer stolzen und ironischen Distanz zum eigenen Werk und einer fast schwerelosen Deutung der Antriebe und des kreativen Prozesses.
Rogan hat einen Weltrekord über 200 m Rückenschwimmen aufgestellt. Bei der Kurzbahn-EM in Triest im Herbst 2005: 1:50,43. Wäre seine Karriere unvollständig, sollte die Operation Olympiasieger in Peking 2008 schief gehen?
Für mich ist sie längst vollständig. Ich habe alles erreicht, was ich mir als Schwimmer zugetraut habe.
Seit dem Weltrekord oder schon davor?
Eigentlich davor auch schon. Jetzt noch mehr. Ich kann meinen Enkeln erzählen, dass ich einmal der Beste aller Zeiten war. Dass "diese Zeiten" schon lange her sein werden, ist klar, aber das reicht mir eigentlich. Ich kann mir nicht mehr viel beweisen. Außer Ausdauer, zu zeigen, dass ich es aushalte.
Disziplin?
Eher Sturheit.
Aber es ist nicht mehr so wichtig?
Nicht mehr identitätsbildend. Da kann man nur gratulieren. Früher wollte ich allen beweisen, dass ich schwimmen kann. Mittlerweile glaubt es mir jeder. Ich brauche das Schwimmen nicht mehr für einen späteren Zweck. In der Familie wird auch nicht so viel darüber geredet.
Markus Rogan war das Experiment eines weltoffenen Österreichers, das sie zuhause misstrauisch beobachteten. Er lebte viele Jahre in Amerika, ging dort zur Schule und lernte schwimmen, baute ein Selbstbewusstsein auf, neben dem Elisabeth Gehrer wie eine Selbstgeißlerin wirkt.
Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen gewann er zwei Silbermedaillen (100 und 200 m Rücken) hinter Doppelolympiasieger Aaron Peirsol (USA). Als Rogan nach einer drohenden Disqualifikation Peirsols im Finale über 200 m einen Protest gegen seinen Freund ablehnte, gewann er viele Sympathien und einen Fairness-Award. (Der Ami wendete tatsächlich einmal schleißig, das US-Team, die einzige Schwimmgroßmacht, wendete die Katastrophe mit einem diplomatischen Kraftakt ab.)
Zurück in Österreich, wurde Rogan blitzartig Seitenblicke-Liebling und fast so schnell dafür beneidet und der Faulheit getadelt. Wie ist das mit Österreich und Amerika?
Die Amerikaner sind oberflächlicher. Eher pathetisch. Sie haben aus historischen Gründen weniger Ansporn zur Selbstreflexion. Weil sie nicht in allen Kriegen, die sie in den letzten Jahren angefangen haben, eine auf den Deckel gekriegt haben. Sie haben erst jetzt angefangen, aus geopolitischem Zwang, ihre eigene Macht und Moral zu hinterfragen.
Das gibt es in Europa schon länger, durch diverse schlechte Erfahrungen, die klar gemacht haben, dass unser Weg nicht der beste war. Europäer, die ausgewandert sind, speziell zwischen 1939 und 1945, haben in Amerika angefangen, ihre eigene Sozialmoral zu hinterfragen.
In Amerika gibt es sehr wohl einen intellektuellen Reflexionsprozess, der aber aus welchen Gründen auch immer nicht auf die ganze Bevölkerung überschwappt. Durch den Mangel an Selbstverantwortung geht es lockerer zu.
Mangel an Selbstverantwortung in den USA? Wo jeder Mensch viel mehr auf sich selber angewiesen und das soziale Netz viel dünner ist? Bei mehr als 40 Millionen Menschen, die sich keine Krankenversicherung leisten können?
Ja, aber gemeint ist der Mangel an Selbstverantwortung für die Konsequenzen seiner eigenen Aktionen. In Europa wird man mehr dazu gezwungen, für die Folgen seiner Handlungen Verantwortung zu übernehmen, als in den USA. In Amerika sagen sie eher: Das ist schon okay. In Österreich sagen sie: Das passt schon, gleichzeitig aber haben wir mit jeder Aktion einen Teil von Verantwortung, wo man sagt: Wie geht's dem anderen damit?
Aha. Die Rücksichtslosigkeit ist in Amerika höher?
Ja. Die Mobilität ist höher und das Verständnis für Rücksichtslosigkeit. In Amerika ist es okay, zu sagen, ich bin rücksichtslos. Wenn in Amerika einer sagt, mein Ziel ist es, nur für mich glücklich zu sein, sagt man, der weiß, was er will. In Österreich sagt man, das ist ein alter Hippie oder ein Volltrottel.
