Seite 1/5 Artikel News Nr.8 24.02.2005
DAS INTERVIEW: Markus Rogan über
seine größten Ängste & AntiAngst-Strategien
Er war der Sportaufsteiger des Jahres
2004: Markus Rogan, 22 Jahre jung. Schwimmstar Rogan gewann nicht
nur zwei Silbermedaillen bei den Olympischen Sommerspielen, sondern
extrem viel zusätzliche Sympathien auch bei Nicht-Fans: Unmittelbar
nachdem er beim 200-Meter-Rückenbewerb am 16. August als Zweiter
hinter Aaron Peirsol angeschlagen hatte, wurde der Amerikaner wegen
eines angeblichen Wendefehlers disqualifiziert. Rogan war für
kurze Zeit Sieger. Aber er protestierte selbst gegen die Rückreihung
seines Konkurrenten und Freundes: „Es ist sicher alles korrekt
zugegangen." Schließlich wurde wieder zurückgereiht,
Rogan erhielt Silber und weltweit Lobeshymnen. Auch ein entscheidender
Grund dafür, dass er im Herbst zum österreichischen „Sportler
des Jahres" gewählt wurde.
Der 195 cm große Modellathlet ist aber mehr als „nur" Spitzensportler. Zu seiner großen Beliebtheit trägt die Lockerheit bei, mit der er offen über seine Erfolgsrezepte spricht: „Man muss Verletzbarkeit aufbauen, sonst hat man schon verloren. Ich habe meine Versagensangst akzeptiert, das war ein Rieseneingeständnis." Dass Markus Rogan die neue NEWS-Serie über einen produktiven Umgang mit der Angst durch ein Interview mit Chefredakteur Peter Pelinka einleitet, hat noch einen anderen Grund: Die Autoren des neuen Angst-Buches „Seelenfraß" (Überreuter-Verlag) stehen ihm sehr nahe: Die Psychotherapeutin und NEWS-Kolumnistin Margot Schmitz ist seine Mutter. Und der Journalist Michael Schmitz Rogans Stiefvater und Manager.
Der 195 cm große Modellathlet ist aber mehr als „nur" Spitzensportler. Zu seiner großen Beliebtheit trägt die Lockerheit bei, mit der er offen über seine Erfolgsrezepte spricht: „Man muss Verletzbarkeit aufbauen, sonst hat man schon verloren. Ich habe meine Versagensangst akzeptiert, das war ein Rieseneingeständnis." Dass Markus Rogan die neue NEWS-Serie über einen produktiven Umgang mit der Angst durch ein Interview mit Chefredakteur Peter Pelinka einleitet, hat noch einen anderen Grund: Die Autoren des neuen Angst-Buches „Seelenfraß" (Überreuter-Verlag) stehen ihm sehr nahe: Die Psychotherapeutin und NEWS-Kolumnistin Margot Schmitz ist seine Mutter. Und der Journalist Michael Schmitz Rogans Stiefvater und Manager.
NEWS:Markus Rogan, Sie kommen gerade vom Arzt und haben erfahren, dass Ihr Geschwür beim Ohr kein bloß oberflächliches Leiden ist, sondern Sie noch länger beschäftigen wird. Empfinden Sie jetzt Angst um Ihre Gesundheit, um Ihre Sportlerkarriere?
Rogan:Natürlich,
ein wenig schon. Aber gleichzeitig ist mir bewusst, dass diese
Verletzung einen normalen Menschen kaum beschäftigen würde,
dass ich absolut lebenstauglich bin. Diese gut kompensierte Kleinigkeit
könnte freilich schon über Gold, Silber und Bronze entscheiden,
könnte eine Art biologischer Stock im Rad werden. Da ist Sand
im Getriebe, genauer: Sand im Hirn. Dagegen bin ich hilflos und
das macht Angst.
Angst, ein bekanntes Gefühl?
Ich kenne es, aber es kommt selten aus physischen Gründen: Ich habe mir nur einige Male den Knöchel verstaucht, war oft verkühlt. Schlimmer ist meist die bleierne Müdigkeit, wenn ich um sechs Uhr früh zum Training komme. Ich spüre die körperliche Schwäche, und dann kommt die Angst, keine Leistung bringen zu können aber auch das kann ich aktiv bekämpfen, mental und mit anderen Trainingsmethoden.
Schwieriger sind wohl psychische Ängste
zu bekämpfen, die sich nur teilweise rational entwickeln.
Um beim Beispiel zu bleiben: Entwickeln Sie manchmal eine Urangst,
Ihre Karriere könnte zu Ende gehen, jetzt, wo Sie an der Weltspitze
stehen?
Der Gedanke an ein Karriereende
löst keine Urangst aus. Wenn mir mein Arzt eben gesagt hätte,
Herr Rogan, hören Sie mit dem Schwimmen auf, sonst überleben
Sie das nächste Jahr nicht, wäre das zunächst zwar
ein Schock, aber ich definiere mich nicht nur über meine Karriere
als Schwimmer. Ihr Ende würde mich nicht abstürzen lassen.
Sie sind erst 22, da nimmt man
das leichter als in der zweiten Lebenshälfte. Wie reflektieren
Sie diesen extrem schnellen Aufstieg zum Sportler des Jahres, zu
einer Art nationalem Heros? Vor drei Jahren hat Sie ja kaum jemand
außerhalb der in Österreich kleinen Schwimmszene gekannt.
Im Jahr 2000 habe ich zum ersten
Mal gedacht, dass ich einen Aufstieg bis an die Spitze schaffen
kann. Bei den Olympischen Spielen in Sydney. Da sah ich mich in
meinen Phantasien schon mit der Visitenkarte Markus Rogan / Champion
antreten. Das ist damals aber gründlich schief gegangen, ich
bin nur 27. geworden. Das war zuerst bitter für mich, dann
aber habe ich gemerkt, dass es eine heilsame Niederlage war. Ich
habe erkannt: Nur Ehrgeiz reicht nicht. Größenphantasien
schon gar nicht. Erfolg verlangt harte Arbeit, Ausdauer, die Fähigkeit,
Niederlagen wegzustecken, aus ihnen zu lernen. Die Angst, an selbst
gesetzten Zielen und öffentlichen Erwartungen zu scheitern,
nicht verdrängen zu wollen. Zum Erfolg braucht man also auch
ein effektives Angst-Management. Mir wurde klar: Ich muss das ernsthafter
angehen oder gar nicht, mir Schritt für Schritt vornehmen
und dabei auch Rückschläge verkraften. Das hat dann geklappt:
2001 wurde ich Vizeweltmeister, das zählt auch in Österreich,
wo man das als Titel ansieht. Aber der Hype war noch nicht da,
dazu ist Schwimmen in Österreich zu wenig populär. 2002
war ich dann als guter Sportler akzeptiert, aber noch nicht mit
dem richtigen Siegespotenzial. Ich hab mir gedacht, ich bin schon
wer, wenn mich zweimal im Monat jemand auf der Straße erkannt
hat. 2003 kam dann ein echter Rückschlag mit der Erkrankung,
dem Tumor unterhalb des Ohrs. Meine Mutter hat mir deutlich gesagt,
wie gefährlich das war, ich hätte schwere dauerhafte
Schäden bekommen, von heute auf morgen zum Invaliden werden
können.
Ein echter Einschnitt.
Ich wollte damals aber nicht wahrnehmen,
wie ernst die Angelegenheit war. Ich verdrängte meine Angst,
lachte darüber, merkte aber bald, dass ich deswegen schlecht
schwamm. Als 2003 die Weltmeisterschaft verhaut war, wurde mir
klar: Ich muss mich voll auf die Olympiade konzentrieren und die
einmalige Chance sehen, mich auf die Olympischen Spiele vorzubereiten
mit dem Ziel, dort gut abzuschneiden.
