"Ich bin noch lange nicht ausgereizt"
Schwimmstar Markus Rogan über die Fehler beim Weltrekord, über sein Image und Olympia
Markus Rogan hat im Mannschaftshotel Greif Maria Theresia nur verhalten gefeiert nach der erfolgreichen Weltrekordjagd bei der EMinTriest.Auch wer die 200 Meter Rücken auf der Kurzbahn in 1:50,43 Minuten schwimmen kann, muss an morgen denken. An die nächsten Aufgaben, an die Kurzbahn-WM Anfang April in Schanghai. An 2008.
KURIER: Wie schläft man
als Weltrekordler?
ROGAN: Enttäuschend.
Nämlich so, wie auch sonst.
Ich habe durchgeschlafen,
bin um halb zehn aufgestanden,
spazieren gegangen und
habe die Aussicht genossen.
Dann habe ich mich geärgert,
dass die Vorläufe von gestern
nicht im TV gezeigt wurden.
Wie viel Mut braucht man,
um einen Weltrekord punktuell
ansagen zu können?
Mir war klar, dass ich das
vor dieser Kurzbahn-EM sagen muss.
Zum einen war ich
ja nur 15 Hundertstel davon
entfernt,und außerdem wäre
es für mich sonst mental und
für die Medien nicht interessant
genug gewesen.
Und wie funktioniert so
eine Vorbereitung auf den
Tag X wirklich?
Um ganz ehrlich zu sein,
ich zweifle auch immer wieder
daran, dass es funktioniert.
Aber am entsprechenden
Tag muss alles zusammenpassen.
Die Form, die
spezielle Wettkampfsituation,
die Form der Gegner, der
Ansporn durch das Publikum.
Was die persönliche
Form betrifft, ist das so eine
Art Steinschleuder-Prinzip.
Du ziehst auf, hast die optimale
Spannung, und triffst.
Einfach so?
Nein, nein. Immer wieder
im Training beginnst du zu
hinterfragen. Immer wieder
frage ich bei meinem Trainer
Robert Michlmayr nach, ob
wir nicht zuviel oder zuwenig
trainieren. Am Ende ist es
eine Art wechselseitigen Vertrauens.
Robert sagt immer,
dass meine Beine länger brauchen, um vor einem
Wettkampf zu regenerieren.
Und dann ist da noch das
Wechselspiel zwischen Ausdauer
erhalten und Spritzigkeit
aufbauen. Faszinierend
und voll von Risken.
Wie wäre es dir gegangen,
wenn du Gold geholt hättest,
ohne den angekündigten
Weltrekord zu schwimmen?
Also ganz deppert wäre es
gewesen, den Weltrekord zu
verfehlen und meinen Europarekord
wieder zu verbessern.
Dann hätte ich mich sicher
mehr über die Zeit geärgert,
als über Gold gefreut. Je
weiter ich vom Weltrekord
entfernt gewesen wäre, desto
größer wäre meine Freude
über Gold gewesen.
Und wie wärst du damit
umgegangen, unter der Weltrekordzeit
zu bleiben und
Zweiter zu werden?
Dann hätte ich meinen Europarekord
verloren und wäre
österreichischen Rekord
geschwommen. Die Möglichkeit,
dass das bei der WM
im Aprilpassiert, ist gegeben.
Falls es passiert, wird man
sehen, wie reif ich emotional
bin.
War das Finale von Triest
ein perfektes Rennen?
Sicher nicht. Ich bin es zu
langsam angegangen und habe
zu viel auf den neben mir
schwimmenden Vyatchanin
geschaut. Ich bin zu lange
sein Rennen und nicht mein
Rennen geschwommen. Ich
weiß, dass ich noch lange
nicht ausgereizt bin. Da ist
noch viel zu holen. Ganz abgesehen
davon trainiere ich
noch viel weniger alsmöglich
wäre. Robert und ich gehen
kleine Schritte vorwärts. Wie
alle Schritte war auch dieser
darauf abgestimmt, 2008 bei
Olympia Gold zu holen.
Du wurdest rund um die
WM in Montreal im Sommer
phasenweise heftig kritisiert.
Man hat dir deine Omnipräsenzvorgeworfen.
Wie weh
hat das getan?
Die Vorkommnisse haben
meine Haut verdickt. Ich
glaube, dass mich das,was in
Montreal passiert ist, angespornt
hat, in Triest ja nicht zu verlieren. Ich hätte mir einiges
anhören können, wäre
ich hier Zweiter geworden.
Als Reaktion auf die Kritik
an dir hast du dich eine zeitlang
fast völlig zurückgezogen.
Wie schwer ist dir das
gefallen?
Einmal hat es richtig wehgetan.
Beim ersten Champions-
League-Spiel von Rapid
wäre ich gerne dabei gewesen.
Ich hab's bleiben lassen.
Vielleicht hätte ich mich
sonst wieder zu Statements
hinreißen lassen.
Man darf nicht davon ausgehen,
dass dein Weg immer
nur von Erfolg begleitet sein
wird. An wem oder was würdest
du im Fall eines zwischenzeitlichen
Misserfolges
zweifeln?
Wäre ich bei den Spielen in
Athen oder bei der EM in
Wien schlecht gewesen, hätte
ich wohl am österreichischen
System gezweifelt. Vielleicht
auch an meinem Trainer.
Heute würde ich einen
Misserfolg wahrscheinlich
als Stolperer einschätzen. Einen
würde ich locker aushalten,
bei zwei oder mehr würden
Robert und ich sofort
und intensiv gegensteuern.
Und sonst? Rundum
zufrieden?
Zufrieden, zusätzlich zu
meinen leistungsbezogenen
Verträgen 2000 Euro Weltrekordprämie
von meinem
Ausrüster Speedo zu bekommen.
Glücklich, eine Wette
mit meinem Freund Maxim
Podoprigora gewonnen zu
haben. Ich kriege von ihm eine Kiste Wein,
weil wir seinerzeit
gewettet haben, wem es
als ersten von uns gelingt,
Weltrekord zu schwimmen.
Und in alle Zufriedenheit
mischt sich die Vorsicht, dass
wir und ich das konstante
Abrufen von Bestleistungen
nicht als Selbstverständlichkeit
betrachten dürfen.
AM PULS
Freude und ...
von Steffi Graf
Vor dem Start wirkte er blass und nervös. "Ich war in erster Linie davon getrieben, nicht Zweiter zu werden. Markus Rogan hatte Zweifel und Ängste. Zweifel darüber, ob er es wirklich schaffen kann. Zweifel, ob die Zeit überhaupt schon reif ist für den Weltrekord.
Wenn überhaupt, sind es nur wenige Wochen in einer Sportler-Karriere, in denen man mit dem Weltrekord liebäugeln darf. Die Form stimmt. Sie ist ein Geschenk des Himmels, doch die Angst, die Chance des Lebens nicht zu nützen, ist groß. Auch Markus Rogan hatte Angst Zweiter zu werden. Angst, ein anderer könnte seinen Weltrekord schwimmen.
Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Ich erinnere mich an das 800-Meter- Rennen bei der Hallen-EM 2002 in Wien, vor dem ich spürte, den Weltrekord drauf zu haben. Europameisterin zu werden, mit dem Weltrekord als Draufgabe. Mein großer Traum schien realisierbar. Zwei harte Trainingsjahre hatte ich hinter mir und nur dieser Traum war meine Motivation gewesen.
In den letzten Minuten vor dem Start fühlt man sich elend, hat weiche Knie. Mit dem Startschuss verfliegen die Ängste. Alles läuft von selbst. Der Instinkt lenkt den Körper. Die Sehnsucht, im Ziel erlöst zu werden, belohnt zu werden für die Qual, treibt dich voran.
Markus Rogan hat es geschafft. Sein Strahlen in den Augen, als er auf der Anzeigetafel das Resultat aufleuchten sah, sagt alles. Der Weltrekord gehört ihm. Den kann ihm keiner mehr wegnehmen. Auch, wenn er zwangsläufig eines Tages unterboten wird. Was wäre in ihm vorgegangen, wenn er es nicht geschafft hätte?
Ich weiß, wie sich so etwas anfühlt. Im Rennen meines Lebens wurde ich Zweite hinter Jolanda Ceplak. Wir beide blieben unter dem alten Weltrekord. Sie war um drei Hundertstel vor mir im Ziel. Nicht einmal ein Wimpernschlag, so knapp und doch daneben. Die Chance kommt nie wieder. Auch heute sticht es manchmal noch im Herzen. Ich freu' mich für Markus. Unendlich! Und trotzdem tut es weh. Sehr weh.
