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Von Gerd Schneider, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2005, Nr. 19
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main "Der Schwimmer und Selbstdarsteller ist Nachbars neuer Liebling"
Der österreichische Sport steht Kopf. Rogan
verdrängt
Kitzbühel von Seite 1
BERLIN. In Österreich ist an diesem Wochenende eine Sensation passiert: Auf der Titelseite der "Kronen Zeitung" war am Sonntag ein Schwimmer abgebildet. Ein Schwimmer? Im Winter? Und das am heiligen Ski-Wochenende von Kitzbühel? "Unerhört", sagt ein Sportreporter des Massenblatts und zeigt beim Schwimm-Weltcup in Berlin stolz die vorproduzierte Titelseite der Sonntagsausgabe: "Das hat es noch nie gegeben."
Gestatten: Rogan. Markus Antonius Rogan. Der dunkle Typ mit den sanften braunen Augen und Dreitagebart gilt als bester Schwimmer, den die Österreicher je hatten. Er ist Europameister geworden im vergangenen Jahr, und er gewann, über 100 und 200 Meter Rücken, zwei Silbermedaillen bei den Olympischen Spielen von Athen. Was den 22 Jahre alten Wiener endgültig zum Darling der Nation machte, war diese Geschichte, die sich in Athen nach dem Rennen über 200 Meter abspielte. Wenige Minuten nach dem Wettkampf wurde der überlegene Sieger, der Amerikaner Aaron Peirsol, wegen eines technischen Fehlers beim Beinschlag disqualifiziert. Plötzlich hieß der Olympiasieger Markus Rogan. Die ohnehin leicht erregbaren Sportreporter aus Österreich waren dem Kollaps nahe, und zu Hause fiel im Fernsehen selbst die sonst unantastbare Hauptnachrichtensendung um halb acht ins Wasser: Der Fall Rogan elektrisierte die ganze Nation. Exakt 24 Minuten währte der kollektive Taumel. Dann wurde die Disqualifikation Peirsols wieder zurückgenommen - zu Unrecht, wie heute viele in der Schwimmszene glauben. Doch schon vor dieser Entscheidung hatte Rogan vor laufenden Kameras erklärt, daß er die Goldmedaille nicht wolle: "Sie steht mir nicht zu. Peirsol ist der Beste, er hat sie verdient."
Diese Worte waren Gold wert für Markus Rogan. Sie machten ihn, den Zweiten, zum eigentlichen Gewinner: zum Olympiasieger der Herzen. Ende des Jahres wurde er, nicht die Ski-Ikone Hermann Maier, in seiner Heimat zum Sportler des Jahres gewählt. Da mußte es wohl so kommen, daß man den 1,90 Meter großen Rogan prompt zum "Hermann Maier des Schwimmens" gemacht hat. Dabei ist das Unsinn. Markus Rogan trennen, was seine Erfolge angeht, noch Welten von dem Ski-Idol. Und im Vergleich zum Maier- Hermann, Typ knorriger Bergmensch, wirkt der Schwimmer eher wie ein Gegenentwurf: eine Art Anti-Maier. Markus Rogan ist smart, schlagfertig, originell und weltgewandt.
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